Wenns Grün is, isses verdorben

Ode an den Vergaser

Ja, ich liebe sie. Die guten alten mechanisch schlagenden Herzen aus den stählernen Rössern und Streitwagen die röhrend auf fortlaufenden Explosionen aus viel zu kurzen Rohren die Wahrnehmung der verordneten Nachtruhe der Nachbarschaft keifend und brüllend negierten. Bei neueren Fahrzeugen schon längst ausgestorben verrichten immer noch viele dieser Fossilien ihren spritspuckenden Dienst – zuverlässig und treu.
Ja, es mag Geschmackssache sein – ich aber mag gerade bei Motorrädern diese neueren fahrenden Rechenzentren nicht. Verkörpern sie doch das genaue Gegenteil von dem was ich bei Motorrädern so mag: Motorräder rucken und zucken, vibrieren und fauchen. Man hat das Gefühl auf einem lebenden Organismus zu sitzen und muss aktiv dran arbeiten das dieser einen nicht abwirft oder tötet. Neue Fuhren tun all dies nicht. Sie piepen um zu signalisieren das sie ihr Herrchen elektronisch erkannt haben. Legt man dann den Schlüssel (sofern überhaupt noch einer notwendig ist) um, summt das Gerät und führt eine Selbstdiagnose durch. Drückt man dann den Feuer-frei-Knopp erwacht das Triebwerk leise und lieb schnurrend – vibrationsfrei und emotionslos. Selbst die ehemals brutal blubbernden Eisentrümmer aus Milwaukee wurden erfolgreich entmannt. Der Motor versucht zwar beim Starten noch auszuschlagen, dies gelingt ihm aber gefangen in seinem gummierten Gefängnis freilich nicht und der Fahrer bleibt weitestgehend von Vibrationen verschont. Aufgebitcht mit mehr Hubraum, mehr Leistung, mehr Endgeschwindigkeit und weniger Verbrauch kann er dennoch das Versprechen seiner eisernen Ahnen nicht halten und das obwohl die Ingenieure doch noch ein künstliches „Klock“ beim Schalten einbauten um das Gefühl ein „richtiges Moped“ zu fahren zu suggerieren. Dennoch pilgern tausende von Zahnwälten und Vorstandsvorsitzenden zum Vertragshändler um sich eines der gezähmten Ponys für nen Sack voll Dublonen zu kaufen um den anderen Schrebergärtnern, Nachbarn und Golfclublern zu zeigen was man fürn harter Rochen ist. Dem Fortschritt sei dank ist dies ja nun möglich ohne Ölflecken in den Designerjeans befürchten zu müssen. Cool. Der Flüstersound (trotz Sound-Management-System) geht aber sogar der Finanzelite auf die Eier, so dass ratz-fatz noch ne sauteure Auspuffanlage mit elektronisch verstellbarer Drosselklappenfunktion samt neuem Mapping fürs Steuergerät bestellt wird. Auf ner Harley will man ja nen amtlichen Sound, nachher denken die Nachbarn noch man hätte sich ne Yamasuki oder Hondasaki gekauft. Dieser „gemanagde“ Sound führt allerdings dazu das sich auf Treffen gefühlt jede Kiste gleich anhört, dumpf bollernd und gleichmäßig die Standdrehzahl haltend, ohne Aussetzer laufend. Naja, wenigstens ist zwischendurch Sonntags mal die Straße frei.. und zwar wenn Patchday bei Harley ist.
Es gibt Fahrzeuge bei denen ich die technische Aufrüstung noch nachvollziehen und (widerwillig) verstehen kann. Mögen muss ich sie aber dennoch nicht. Bei schweren Einbauküchen oder schnellen Yoghurtbechern machen die Triebwerksoptimierungen, ABS und andere Helferlein vielleicht noch Sinn aber warum will man den Mist in nem Chopper (oder Cruiser)? Mag man die Kisten doch eigentlich wegen ihrem puristischen Gebaren und oldschooligem Charakter. Mixt man das ganze, wie es ja aktuell gemacht wird, kriegt man nen Ladyboy. Sieht vielleicht aus wie ne heiße Braut.. isset aber nicht.
Zuverlässigkeit lasse ich freilich auch nicht als Argument zählen. Denn ich fahre ausnahmslos Mopeds mit Vergasern, täglich zur Arbeit und zurück, Winter wie Sommer, plus Urlaube, plus Touren. Mit meiner VN habe ich in den letzten 10Jahren gute 150.000km abgespult und bin nur zweimal liegengeblieben ohne aus eigener Kraft wieder wegzukommen. Auch andere Pannen waren bisher selten und lagen zumeist nur an schnell zu behebenden Kleinigkeiten. Auch meine 84er Evo Softail mausert sich nach anfänglichen Problemen zu nem wahren Dailydriver und das trotz Umrüstung auf Kontaktzündung und dem damit verbundenen Rauswurf des Großteils der ohnehin schon überschaubaren Elektronik.
Mir ist klar das die Motorradbauer mittlerweile den geänderten Gesetzen geschuldet (Emissionsreduktion, Lärmschutz, ABS-Pflicht) kaum noch eine Wahl haben als die produzierten Zweiradroboter mit allerlei Firlefanz und elektronischen Teufelswerk auszustaffieren. Aber warum kauft man sich für teuer Geld son Teil, wenn man für weniger Geld noch n „echtes“ Motorrad mit Seele bekommt? Ich weiß es freilich nicht. Und dann gibt es auch noch Leute die tatsächlich echt steil gehen auf ihre Einspritzmobile und sich wild wixend gegenseitig ans Bein ejakulieren beim Anblick ihrer nagelneuen Mattschwarz-und-customized-ab-Werk Dyna:
Letztes Jahr habe ich an meiner VN nen neuen Tank aufgedübelt. Da es schnell gehen musste habe ich den gebraucht gekauften Peanuttank natürlich vor Montage und Lackierung nicht durchgespült. Schnell gehen musste es deshalb weil das Saisonstart-Meeting mit Ausfahrt eines befreundeten Clubs anstand. Hab den Mist fertig gekriegt, allerdings schon beim Einfahren aufs Clubgelände fing die sonst treue VN an zu sprotteln. Kaum angehalten ergoss sich Benzin aus dem Lufi.. klarer Fall: Schwimmernadelventil war verdreckt. Also Werkzeugrolle raus, im Schneidersitz vor die Mühle und den Vergaser flugs ausgebaut. Während ich also da so schraube kommt n älterer Typ mit neuer Harley-Tourenjacke mit seinem ähnlich ausstaffierten Homie im Schlepptau vorbei, bleibt stehen und sagt: „Deswegen fahre ich nur Einspritzer, da passiert das nicht.“ Ich teilte ihm dann mit das Dreck im Kraftstoff auch die Einspritzung zusetzen kann, ich aber im Gegenteil zu ihm in zwanzig Minuten weiterfahren können werde, während er den ADAC rufen müsste um die Karre dann vier Wochen später nach bezahlen einer gesalzenen Rechnung bei der Vertragswerkstatt abzuholen. Gut, habe 25Minuten, nen KuTip und n Stück Blumendraht gebraucht, aber haben es noch mit leichter Verspätung zur Ausfahrt geschafft.
Aber auch in vielen MCs sind die TwinCams und andere Einspritzer in der Mehrzahl. Warum? Nun, viele MCs legen in der Saison lange Strecken zurück und mit TwinCams lässt sich natürlich angenehmer höhere Geschwindigkeiten über längere Zeiträume fahren, somit kommt man just in time an. Ich finde allerdings das man sich damit das Abenteuer beim Motorradfahren nimmt… denn der Weg ist doch das Ziel. Wir fahren lieber gemütlich, am besten über Land und wenn mal einer unserer betagten Hobel verreckt (passiert selten) hilft man sich gegenseitig und improvisiert bis die Kiste wieder fahrbereit ist, Kabelbinder und Blumendraht sei dank. Ja, Alteisen bekommt man halt fast immer wieder flott. Und unser Motto lautet deswegen ja auch Fahren – Schrauben – Feiern. Wenn man mal ehrlich ist isset ja auch schwul mit sauberen Händen auf nem Treffen anzukommen..
Auch das Customizen und Individualisieren ist oftmals viel günstiger und einfacher als bei Hightechhockern. Bei denen ist, CANBUS sei dank, nämlich nix mit mal eben für nen Apehanger die Kabel durchzuknipsen, zu verlängern und neu zu verlöten. Und auch n anständiger Auspuff geht mal schnell in die tausender da ja auch Lambdasonden, Katalysatoren und anderer Unfug ihren Platz brauchen. Und die Software muss ja auch noch überredet werden mit dem neuen Feuertopf zu kooperieren.. Ich erinnere mich noch an meine alte 82er VT500C. Die hörte sich dermaßen scheiße an das ich, pleite wie ich war, versuchte mich heimlich mit dem Staubsaugerrohr aus der Wohnung zu schleichen um damit den Auspuff zu äääh.. optimieren. Leider erwischte mich meine Freundin gerade noch rechtzeitig an der Haustür um mein Vorhaben zu verhindern. Schließlich landete n Stück umgebratenes Dachrinnenrohr am Krümmer. Das ging auch. Ich mag Baumarktcustomizing.
Aber ich schweife ab. Ich liebe meinen Vergaser. Für kleines Geld lässt sich aus so nem Teil ohne Laptop oder Einsen und Nullen n paar PS mehr rausholen. Und wenn man nicht total blöd ist, keine Angst vor Benzin hat und auch nur entfernt logisch denken kann, kann man recht easy son Ding warten oder reparieren.
Versteht mich nicht falsch, ich bin froh das es Leute gibt die den neuen Mist kaufen und somit die Preise für Vergasermaschinen erschwinglich bleiben und wenn Leute auf ihre Plastikbomber klar kommen, dann ist das schön für sie. Denn jeder (er)lebt ja schließlich seine Freiheit auf der Mopete auf seine ganz individuelle Weise.
Ich für meinen Teil bleibe aber lieber bei Mopets die in den Alteisencontainer gehören und nicht in den gelben Sack ;)