Wenns Grün is, isses verdorben

Der provinzielle Echauffeur mit Pendlerhintergrund

Heute berichte ich von einer in ländlichen Gegenden vorkommenden Unterart des Menschen, dem provinziellen Echauffeur. Dieser haust im friedlichen ländlichen Idyll, zumeist im trauten Eigenheim, oftmals nebst Weibchen und Nachwuchs.
Dieser Homo Sapiens Meckerensis ist äußerst empfindlich was eine Reizung seiner auditiven Sinne angeht. So genießt er den trauten Frieden seiner ländlichen Chilloutarea und reagiert äußerst aufgebracht wenn es ziehende Barbarenhorden wagen in das ihm eigene Reservat einzudringen. Denn jeden Sonntag geschieht dies; insbesondere bei wohlig wärmenden Sonnenstrahlen wird es laut. Dann naht die stählernde Kavallerie der urbanen Flüchtlinge, welche auf ihren Krädern durch die idyllische Botanik möllern. Dermaßen gestört von diesem von ihm so empfundenen akustischen Supergau, der an Sonn- und Feiertagen, bei schönem Wetter und für jeweils ca. 5 Stunden zu vernehmen ist, rottet er sich mit den Kameraden des Nachbarschaftsvereins, den Miteltern seiner Setzlinge, den Schwagern, seinem Friseur und anderen Artgenossen zusammen, um als Heer der Echauffierten als Streiter der Stille gegen die fiesen Eindringlinge ins Feld zu ziehen. Denn er kann es nicht hinnehmen das der städtischen Lärm in das eigene Gartenzaun gesäumte Reich wabert!
So reichen sie Petitionen beim Dorf-Hetmann , bei Ämtern und Kommunen ein, zeigen beim Schutzmann an und schreiben Leserbriefe im lokalen Klatschblatt. Und das mit Erfolg! Strecken werden für die verhassten Zweiräder gesperrt und uniformierte Stoßtrupps entsandt, um mit allerlei Messgeräten und sachkundigen Gelehrten die motorisierten Radaubrüder auf links zu drehen. Mutwillig entrümpelte Schlote werden sichergestellt und konfisziert, die Weiterfahrt untersagt und Anzeigen geschrieben! Recht so! Denn der possierliche Provinzbewohner hat ein Recht auf artgerechte Stille!
Was dieses so belastete Wesen dabei aber freilich vergisst, ist aber das auch er in den Lebensraum anderer eindringt. Denn in seinem eigenen, begrenzten Lebensraum gibt es nicht genug Arbeitsplätze um genug Pinke-Pinke zu verdienen um die eigene Sippschaft durchbringen zu können. Auch Freizeitaktivitäten und Shoppingangebote sind spärlich. So zieht er selbst meist täglich in die städtische Parallelwelt um seinen Geschäften nachzugehen. Dort belastet er als Pendler die urbane Infrastruktur und bereichert mit den Abgasen seines Turbodiesel-Kombis die Atemluft und hört, wenn er wieder einmal alleine im Auto auf dem Weg zur Arbeit sitzt, in voller Lautstärke „The Best of Helene Fischer“, denn auch er muss mal so richtig Dampf ablassen. Der nun von ihm ausgehende auditive Smog interessiert ihn dabei nicht. Lärm gehört ja schließlich in die Städte und nicht aufs Land. Deswegen exportiert er diesen nach besten Kräften dahin wo er auch hingehört!
Auch die Fahrweise des provinziellen Echauffeurs ist in der Regel außerhalb seines Lebensraums nicht gerade sozialverträglich. Zum Einen sorgt sein ausgeprägtes, lärmausgelöstes Fluchtverhalten dafür, dass er mit hoher Geschwindigkeit heim aufs Land zu gelangen versucht. Zum Anderen ist im Büro stets er derjenige, der mit herabgelassenen Hosen über den Schreibtisch gebeugt den Chef tun lässt was immer ihm beliebt. Auf der Autobahn hingegen will auch er einmal der Ficker sein! So wechselt er den Blinker vernachlässigend die Spur hektisch von links nach rechts und andersrum, hupt und beschleunigt, betätigt die wild aufleuchtende Lichthupe, nur um ein paar Sekunden herauszufahren. Was erdreisten sich auch Gattungsfremde ihm „seinen“ Weg zu versperren! Im Büro noch das Bückstück mutiert er auf den geteerten Schnellwegen zum Winner in seinem Passat oder Avant, denn er kennt die Strecke durch den häufigen Gebrauch ja auch viel besser als jeder andere!
Man kann diese armen Kreaturen eigentlich nur bemitleiden, sind sie doch gezwungen den heimeligen und sicheren Bau zu verlassen, um die zum Überleben notwendige Nahrung in für sie eigentlich so lebensfeindlicher Umwelt zu sammeln. Deswegen hasst sie nicht! All ihr fahrenden Wikinger an fremden Gestaden! Lasst die heraufbeschworenen behördlichen Kontrollen über euch ergehen, lasst ab in die Horte der Stille einzumarschieren und denkt daran was diese armen Wesenheiten zu erdulden haben. Wenn ihr einmal in euren engen Städten einen von ihnen mit hoch rotem Kopf und fluchend im Berufsverkehr an der Ampel stehen seht, geht hin und tätschelt ihnen den Kopf. Denn bedenkt, normalerweise würde man jemanden der Dinge selbst tut, die er bei anderen kritisiert, als Arschloch bezeichnen. Oder auch als Idioten, wenn er dies nicht einmal begreift.
Hier aber handelt es sich aber um ein Opfer der urbanen Enklaven, um schützenswerte Wesenheiten die nicht begreifen können das es auch empfindungsfähige Lebensformen außerhalb ihrer eigenen Welt gibt, die zudem auch noch mit einem Drang der freien Freizeitgestaltung und Bewegung gesegnet sind.